Semesterschau

Exhibit: 2 „Alltäglicher Ausnahmezustand“
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„Alltäglicher Ausnahmezustand“

Experimentelle Buchgestaltung über Alltag, Wahrnehmung und Migration im Kontext des Krieges in der Ukraine.

Anastasiia Zaikina / Prof. Harald Steber / Kommunikationsdesign

Viele Menschen haben falsche Vorstellungen vom Krieg – oft assoziieren sie damit nur Zerstörung und absoluten Stillstand. In der Realität geht das Leben jedoch selbst unter Beschuss, während der Luftalarme und nach schlaflosen Nächten weiter: Menschen arbeiten, studieren, führen Beziehungen und versuchen, eine gewisse Normalität aufrechtzuerhalten. Nicht, weil der Krieg weniger schlimm geworden ist, sondern weil die menschliche Psyche nicht dauerhaft im Ausnahmezustand leben kann. Mit dieser Publikation untersuche ich diesen Kontrast zwischen dem stereotypen Kriegsbild und der tatsächlichen Alltagsrealität, indem ich persönliche Erfahrungen, Interviews mit Ukrainer*innen und wissenschaftliche Erkenntnisse verbinde.

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil beschäftigt sich mit dem Leben in der Ukraine während des Krieges, der zweite mit erzwungener Migration und den Herausforderungen eines Neuanfangs in einem fremden Land. Dabei setze ich mich mit vier weit verbreiteten Mythen auseinander.

Der erste Mythos lautet: „Krieg bedeutet nur Ruinen.“ Medien zeigen vor allem Zerstörung. Die Interviews machen jedoch deutlich, dass Menschen trotz aller Folgen versuchen, ihre Identität und ihren Alltag zu bewahren, um sich selbst nicht zu verlieren. Der zweite Mythos besagt: „Zu bleiben ist unverantwortlich.“ Solche Entscheidungen sind selten rein rational. Ein Zuhause ist mehr als eine Wohnung – es besteht aus Beziehungen, Gewohnheiten und Menschen. Einen Koffer kann man packen, sein ganzes Leben nicht. Der dritte Mythos lautet: „Menschen haben sich an den Krieg gewöhnt und keine Angst mehr.“ Die Interviews zeigen, dass sich die Angst nicht auflöst, sondern verändert, um das psychische Überleben zu sichern. Der vierte Mythos besagt: „Wenn jemand nach Hause fährt, bedeutet das, dass es dort sicher ist.“ Auch meine Familie lebt in der Ukraine. Ich fahre zurück, um meine Eltern und Großeltern wiederzusehen – nicht, weil es dort sicher ist.

Um zu zeigen, wie langanhaltender Stress Menschen verändert, erkläre ich emotionale Reaktionen auch aus psychologischer Sicht und stütze sie auf wissenschaftliche Forschung.

Visuell wird das Projekt durch Scanografien und experimentelle typografische Kompositionen begleitet. Um die Geschichten in den Mittelpunkt zu stellen, habe ich Alltagsgegenstände gescannt, die symbolisch für diese Erfahrungen stehen – etwa einen Pass, Fahrkarten oder einen Koffergriff. Die verschwommenen Texturen werden zu einer visuellen Metapher für Unsicherheit, Angst und die Spuren gelebter Instabilität.

Während der Arbeit an diesem Buch habe ich viel mit anderen Studierenden über mein Thema gesprochen. Ihre Fragen zeigten, wie unterschiedlich der Krieg außerhalb der Ukraine wahrgenommen wird. Viele dieser Fragen wurden zum Ausgangspunkt einzelner Kapitel. Wenn dieses Projekt auch nur einer Person hilft, die Lebensrealität von Menschen im Krieg besser zu verstehen und bestehende Vorstellungen zu hinterfragen, hat es sein Ziel erreicht.


Studierende

  • Anastasiia Zaikina

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